Ruhe finden und Selbstregulation
So geht es weiter
Ein Welpe muss nicht lernen, möglichst viel zu können – er muss zunächst lernen, mit all den neuen Eindrücken seines Lebens umzugehen. In diesem Modul geht es um:
die Bedürfnisse eures Welpen
Schlaf, Ruhe und Erholung
Stress und Überforderung erkennen
Reize verarbeiten und richtig dosieren
Entwicklung, Hormone und sensible Phasen
Selbstregulation und Co-Regulation
Rückzug und erste Schritte in Richtung Selbstständigkeit
Aufmerksamkeit und den sinnvollen Einsatz von Futter
das Alleine sein langsam und sicher aufbauen
Ihr lernt, euren Welpen nicht einfach „ruhig zu machen“, sondern ihn dabei zu begleiten, Ruhe selbst entwickeln zu können.
Ruhe ist eine Fähigkeit
Euer Welpe ist seit kurzer Zeit in seinem neuen Zuhause. Alles ist neu: Gerüche, Geräusche, Menschen, Räume, Tagesabläufe und Regeln. Gleichzeitig entwickelt sich sein Körper und sein Gehirn jeden Tag weiter.
Da ist es völlig normal, dass ein Welpe nicht automatisch weiss, wann genug ist.
Manche Welpen schlafen einfach ein. Andere laufen weiter, suchen Beschäftigung, beissen in Hände oder Kleidung, werden hektisch oder scheinen plötzlich „aufzudrehen“.
Das bedeutet nicht automatisch, dass ihnen langweilig ist.
Oft bedeutet es:
„Ich weiss gerade nicht, wie ich wieder herunterfahren kann.“
Ruhe ist deshalb nicht einfach eine Pause zwischen zwei Aktivitäten. Ruhe und Selbstregulation sind Fähigkeiten, die sich entwickeln.
🌿 MERÀKI im Alltag
Versucht einmal, nach einer Aktivität nicht sofort die nächste anzuschliessen.
Nach dem Spaziergang:
- Leine und Geschirr ruhig ausziehen
- Wasser anbieten
- selbst ruhig werden
- nicht gleich spielen
- nicht gleich üben
- nicht gleich Besuch empfangen
Vielleicht setzt ihr euch einfach hin und macht euren eigenen Alltag etwas später.
Euer Welpe darf dabei lernen:
Es passiert nichts – und das ist völlig in Ordnung.
Bedürfnisse verstehen
Bevor wir Verhalten verändern wollen, lohnt sich eine viel wichtigere Frage:
Was braucht mein Welpe gerade?
Ein Welpe kann unruhig sein, weil er müde ist.
Oder hungrig.
Oder überfordert.
Oder weil er Nähe braucht.
Oder weil er sich lösen muss.
Oder weil ihm etwas unangenehm ist.
Oder weil er gerade einfach nicht weiss, was von ihm erwartet wird.
Deshalb ist die Bedürfnispyramide kein starres Stufenmodell, das immer in derselben Reihenfolge abgearbeitet werden muss.
Sie ist vielmehr ein Werkzeug zum Nachdenken.
Wenn mein Welpe nicht zur Ruhe findet …
fragt euch:
- Hat er genug geschlafen?
- War heute viel los?
- Braucht er Bewegung oder eher weniger?
- Muss er sich lösen?
- Hat er Hunger oder Durst?
- Ist ihm warm oder kalt?
- Braucht er Nähe?
- Braucht er Abstand?
- Ist ihm langweilig?
- Hat er zu viele Reize erlebt?
- Ist etwas körperlich unangenehm?
- Ist er gerade emotional überfordert?
Nicht jedes Verhalten braucht eine Beschäftigung. Manchmal braucht es eine Pause.
🌿 MERÀKI-Frage
Welches Bedürfnis könnte hinter dem Verhalten meines Welpen stehen?
Schlaf und Erholung
Schlaf ist für einen Welpen keine Nebensache.
Während des Schlafens verarbeitet der Körper und das Gehirn Erlebtes. Lernen, Entwicklung und Regeneration brauchen Erholungsphasen.
🌙 Besonders wichtig: ungestörter Schlaf in der Nacht
Neben den Ruhephasen während des Tages braucht ein Welpe vor allem nachts längere, ungestörte Schlafphasen.
Dösen, ruhiges Liegen und Schlafen sind dabei nicht dasselbe. Ein Welpe kann tagsüber immer wieder kurz einschlafen oder dösen und trotzdem ausreichend tieferen, zusammenhängenden Schlaf brauchen.
Deshalb empfehlen wir, von Anfang an eine klare Abendroutine zu entwickeln:
Abends wird es im Haus zunehmend ruhiger.
Die letzte Aktivität sollte nicht direkt vor dem Schlafen aufregendes Spiel oder Training sein.
Der Welpe bekommt nochmals die Möglichkeit, sich zu lösen.
Danach geht es gemeinsam zum Schlafplatz.
Der Welpe wird bewusst „ins Bett gebracht“ und kann dort ungestört schlafen.
Nachts sollte der Schlafplatz möglichst ruhig und reizarm sein.
Wenn der Welpe nachts wach wird und sich lösen muss, bleibt der Ablauf möglichst ruhig und unspektakulär: lösen, zurück ins Bett, weiterschlafen.
Eine solche Routine gibt Orientierung und hilft dem Welpen, seinen Tag-Nacht-Rhythmus zu entwickeln.
Schlaf ist nicht einfach Zeit, in der nichts passiert. Schlaf ist Entwicklungszeit.
Dabei gibt es nicht die eine perfekte Schlafmenge, die für jeden Welpen gilt. Alter, Persönlichkeit, Aktivität, Entwicklungsphase und individuelle Bedürfnisse spielen eine Rolle.
Wichtiger als eine Zahl ist deshalb:
Kann mein Welpe ausreichend schlafen und findet er selbst oder mit unserer Unterstützung wieder in die Ruhe?
🌿 MERÀKI im Alltag: Schlaf ermöglichen
Achtet darauf, dass euer Welpe im Alltag wirklich schlafen kann – und nicht nur immer wieder kurz zur Ruhe kommt.
Ein Welpe muss nicht bei jeder Aktivität dabei sein. Wenn im Haushalt viel passiert, darf er sich zurückziehen und schlafen.
Gerade in den ersten Wochen hilft eine einfache Regel:
Nach Aktivität kommt Erholung.
Plant deshalb bewusst ruhige Zeiten ein und schützt euren Welpen davor, ständig wieder aus seinem Schlaf oder seiner Ruhe herausgeholt zu werden.
Besonders die Nachtruhe sollte möglichst ungestört bleiben. Eine feste Abendroutine kann dabei helfen, dem Welpen Sicherheit und Orientierung zu geben.
Schlafmangel kann sich ganz unterschiedlich zeigen
Ein übermüdeter Welpe wird nicht unbedingt still und schläfrig.
Er kann stattdessen:
- hektisch werden
- mehr beissen
- aufdrehen
- schlecht zuhören
- schneller frustriert sein
- unruhig herumrennen
- plötzlich scheinbar „frech“ werden
- Schwierigkeiten haben, abzuschalten
Deshalb ist „Er ist so wild, er braucht noch mehr Auslastung“ nicht immer die richtige Schlussfolgerung.
Manchmal braucht der Welpe genau das Gegenteil.
🌿 MERÀKI im Alltag
Beobachtet euren Welpen einmal über einen ganzen Tag:
Wann wird er müde? Wann schläft er? Was passiert vorher? Wie verhält er sich nach einer längeren Aktivität?
Ihr müsst den Schlaf nicht ständig organisieren. Schafft vielmehr Bedingungen, in denen Schlaf möglich ist.
Stress, Erregung und Erholung
Stress gehört zum Leben.
Ein gewisses Mass an Aktivierung hilft uns und unseren Hunden, auf neue oder herausfordernde Situationen zu reagieren. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Belastungen zu häufig, zu intensiv oder zu lang sind und nicht genügend Erholung folgt.
Und Stress ist individuell.
Was für einen Welpen spannend ist, kann für einen anderen bereits zu viel sein.
Ein Besuch, eine Autofahrt, ein neuer Ort, eine Hundebegegnung oder eine Welpenstunde können schöne Erfahrungen sein – und trotzdem körperlich und emotional anstrengend.
Deshalb gilt:
Auch schöne Erlebnisse brauchen manchmal Erholung.
Die Erregung im Blick behalten
🟢 Grün – ansprechbar
Der Welpe kann:
- beobachten
- fressen
- Kontakt aufnehmen
- sich lösen
- sich wieder entspannen
- neue Dinge aufnehmen
🟡 Gelb – deutlich aktiviert
- Aufmerksamkeit wird schwieriger
- Bewegungen werden hektischer
- der Welpe reagiert schneller
- Selbstkontrolle nimmt ab
- Ruhe wird schwieriger
🔴 Rot – überfordert
- starkes Bellen oder Fiepen
- hektisches Verhalten
- Flucht oder starkes Vermeidungsverhalten
- Schnappen/Beissen
- völliges Hochfahren oder Erstarren
Dann ist nicht der richtige Zeitpunkt für weiteres Training.
Erst wieder Sicherheit und Ruhe herstellen – dann weiterdenken.
Die ausführliche Auseinandersetzung mit Stresssignalen und Stress beim Hund schauen wir uns in einem späteren Modul noch genauer an.
🌿 MERÀKI-Frage
Wie viel hat mein Welpe heute erlebt – und wie viel Zeit hatte er danach, es zu verarbeiten?
Entwicklung, Hormone und sensible Phasen
Sensible Phasen
In der Entwicklung eines Hundes gibt es Zeiträume, in denen Erfahrungen und Umweltreize besonders intensiv verarbeitet werden können. Diese werden als sensible Entwicklungsphasen bezeichnet.
Wichtig ist dabei: Es handelt sich nicht um starre Zeitfenster, die bei jedem Hund exakt gleich ablaufen. Entwicklung ist individuell und die Übergänge sind fliessend.
Die folgenden Zeiträume dienen deshalb als Orientierung:
🐾 ca. 3. bis 7. Lebenswoche – frühe Entwicklungsphase
In dieser Zeit entwickelt sich der Welpe körperlich, sozial und neurologisch besonders schnell. Er beginnt seine Umwelt aktiv zu erkunden und sammelt wichtige Erfahrungen im Kontakt mit seiner Mutter, seinen Geschwistern und seiner Umgebung.
Dabei entwickelt er unter anderem soziale Fähigkeiten, lernt Kommunikation und macht erste Erfahrungen mit unterschiedlichen Reizen.
🐾 ca. 8. bis 16. Lebenswoche – besonders sensible Lern- und Sozialisierungszeit
Diese Phase fällt bei den meisten Welpen bereits in die Zeit bei ihrer neuen Familie.
Jetzt werden viele neue Erfahrungen gesammelt: Menschen, Hunde, verschiedene Umgebungen, Geräusche, Untergründe, Autofahrten, Alltagssituationen und vieles mehr.
Dabei gilt nicht:
„Je mehr wir zeigen, desto besser.“
Entscheidend ist vielmehr, dass der Welpe Erfahrungen machen kann, die zu seinem Entwicklungsstand passen und die er auch verarbeiten kann.
Weniger, gut dosierte Erfahrungen können wertvoller sein als ein ständig voller Alltag.
🐾 ca. 4. bis 6. Monat – Übergang in die Jugendphase
Der Hund wird zunehmend selbstständiger und beginnt, seine Umwelt eigenständiger zu erkunden. Manche Hunde werden mutiger, andere vorübergehend vorsichtiger oder empfindlicher.
Auch bereits bekannte Situationen können plötzlich wieder schwieriger werden.
Das muss kein Rückschritt sein.
🐾 ab ca. 6. Monat – Pubertät und weitere Entwicklung
Mit der Pubertät verändern sich Körper, Gehirn und Hormonsystem. Der Beginn und der Verlauf unterscheiden sich deutlich von Hund zu Hund.
Viele Hunde werden selbstständiger, reagieren intensiver auf ihre Umwelt oder lassen sich leichter ablenken. Auch bereits gut gekonnte Dinge können vorübergehend weniger zuverlässig funktionieren.
Das bedeutet nicht, dass wir nichts mehr erwarten dürfen.
Es bedeutet, dass wir unsere Erwartungen und Unterstützung an die aktuelle Entwicklung anpassen.
Was bedeutet das für euch?
Wenn euer Welpe plötzlich auf etwas reagiert, das bisher kein Problem war, fragt euch nicht zuerst:
„Was müssen wir jetzt trainieren?“
Fragt euch zuerst:
„Was könnte sich gerade in meinem Hund verändern?“
Vielleicht braucht er mehr Abstand. Vielleicht war die Situation zu viel. Vielleicht ist er müde oder befindet sich gerade in einer Entwicklungsphase, in der er Dinge anders wahrnimmt und verarbeitet.
Entwicklung verläuft nicht linear.
Ein Welpe kann heute etwas problemlos schaffen und morgen damit Schwierigkeiten haben.
Das ist nicht automatisch ein Rückschritt.
Es ist Entwicklung.
Und dann kommen die Hormone
Mit zunehmender Entwicklung verändert sich auch das Hormonsystem. Spätestens in der Pubertät kann das deutlich sichtbar werden.
Emotionen können intensiver werden.
Ablenkungen können plötzlich interessanter sein.
Bereits bekannte Situationen können wieder schwieriger werden.
Das ist keine Einladung, alles durchgehen zu lassen.
Aber es ist eine Einladung, Verhalten im Zusammenhang mit Entwicklung zu betrachten.
Nicht „schwierig geworden“, sondern „in Entwicklung“.
Reize verarbeiten
Welpen erleben ihre Welt mit allen Sinnen.
Jeder neue Geruch, jedes Geräusch, jeder Mensch, jeder Hund und jeder neue Ort liefert Informationen.
Das Ziel ist deshalb nicht:
„Mein Welpe soll möglichst viel kennenlernen.“
Sondern:
„Mein Welpe soll Erfahrungen machen können, die er auch verarbeiten kann.“
Weniger kann mehr sein
Ein kurzer Spaziergang mit Zeit zum Schnüffeln und Beobachten kann wertvoller sein als eine lange Runde mit zehn Begegnungen.
Ein ruhiger Besuch kann besser sein als eine grosse Familienfeier.
Ein neuer Ort kann reichen – es müssen nicht drei neue Orte an einem Tag sein.
🌿 Best Practice
Nach einem neuen Erlebnis fragt euch:
Wie ist mein Welpe danach?
- Wird er müde und entspannt?
- Kann er schlafen?
- Frisst er normal?
- Wird er hektisch?
- Wird er besonders beissig?
- Sucht er mehr Nähe?
- Wirkt er ungewöhnlich angespannt?
So lernt ihr nach und nach die persönliche Belastungsgrenze eures Hundes kennen.
Selbstregularion und Co-Regulation
Ein kleiner Welpe kann noch nicht alles selbst regulieren.
Er braucht uns.
Unsere Aufgabe ist aber nicht, jede Emotion für ihn zu lösen. Wir können ihm vielmehr einen Rahmen geben, in dem er lernen kann, selbst damit umzugehen.
Das nennen wir Co-Regulation.
Wir helfen unserem Hund dabei, wieder ins Gleichgewicht zu kommen.
Das kann bedeuten:
- Abstand schaffen
- Reize reduzieren
- ruhig sprechen
- selbst langsamer werden
- eine Pause ermöglichen
- Nähe anbieten
- einen Rückzugsort zugänglich machen
- nicht weiterfordern
Mit zunehmender Entwicklung übernimmt der Hund immer mehr davon selbst.
Das Ziel ist also nicht:
„Ich muss meinen Hund immer beruhigen.“
Sondern:
„Ich unterstütze meinen Hund so, dass er zunehmend selbst wieder zur Ruhe finden kann.“
🌿 MERÀKI im Alltag
Wenn euer Welpe unruhig wird, versucht nicht sofort, ihn zu beschäftigen.
Werdet selbst langsam.
Setzt euch hin. Atmet durch. Sprecht wenig. Macht den Raum ruhig.
Und beobachtet:
Was passiert, wenn ich nichts von ihm möchte?
Aufmerksamkeit und Kontakt
Aufmerksamkeit beginnt für uns nicht mit einem Kommando.
Sie beginnt mit Kontakt.
Unser Aufmerksamkeitssignal soll dem Hund vermitteln:
„Nimm kurz Kontakt mit mir auf.“
Das kann später in vielen Situationen hilfreich sein – beim Spaziergang, in neuen Situationen oder wenn wir Orientierung anbieten möchten.
Dabei geht es nicht darum, den Hund permanent auf uns zu konzentrieren.
Ein Hund darf schnüffeln.
Er darf beobachten.
Er darf seine Umwelt wahrnehmen.
Wir wollen nicht Aufmerksamkeit erzwingen, sondern eine freiwillige Verbindung aufbauen.
Einsatz von Futter
Futter kann dabei ein wunderbares Hilfsmittel sein.
Aber:
Futter ist kein Bestechungsmittel. Es ist ein Verstärker.
Wir nutzen es, um Verhalten zu bestätigen, das wir häufiger sehen möchten.
Dabei ist wichtig:
- gutes Timing
- kleine Portionen
- passend zur Situation
- nicht jedes Verhalten „wegfüttern“
- nicht ständig Futter vor die Nase halten
Gerade bei einem jungen Welpen darf Futter eine positive Verbindung zu seinem Menschen schaffen.
Ein sicherer Rückzugsort
Jeder Welpe sollte einen Ort haben, an dem er wirklich zur Ruhe kommen kann.
Ein Rückzugsort ist: kein Ort zum Wegsperren, sondern ein sicherer Raum.
Dort darf der Hund schlafen, kauen, beobachten oder einfach nichts tun.
Der Rückzugsort sollte so gestaltet sein, dass der Welpe dort möglichst wenig gestört wird.
Und genauso wichtig:
Ein Rückzugsort ist kein Strafplatz.
Wenn der Welpe sich dorthin zurückzieht, respektieren wir das.
🌿 MERÀKI im Alltag
Wenn euer Welpe auf seinem Platz liegt:
Lasst ihn liegen.
Nicht jedes ruhige Liegen muss genutzt werden, um Kontakt aufzunehmen.
Manchmal ist die beste Unterstützung: Nichts tun.
Alleine sein langsam aufbauen
Alleinebleiben beginnt nicht mit dem Schliessen der Haustür.
Es beginnt viel früher:
Kann mein Welpe entspannen, während ich mich im Raum bewege?
Kann er liegen bleiben, wenn ich aufstehe?
Kann ich kurz in einen anderen Raum gehen?
Kann er schlafen, obwohl ich nicht direkt neben ihm sitze?
Das sind erste kleine Schritte in Richtung Selbstständigkeit.
Dabei geht es nicht darum, dass der Welpe möglichst lange „aushalten“ muss.
Wir wollen, dass er lernt:
„Auch wenn mein Mensch nicht direkt bei mir ist, bin ich sicher.“
🌿 Best Practice
Beginnt dort, wo euer Welpe entspannt bleiben kann.
Nicht:
„Wie lange hält er es aus?“
Sondern:
„Wie wenig Distanz braucht es, damit er noch völlig entspannt bleibt?“
Dann könnt ihr langsam steigern.
Und wenn es nicht funktioniert?
Schritt zurück.
Frustration und Warten
Selbstregulation bedeutet auch, nicht jeden Impuls sofort ausleben zu müssen.
Ein Welpe darf lernen:
- kurz zu warten
- nicht alles sofort zu bekommen
- einen Moment auszuhalten
- sich nach einer Unterbrechung wieder zu orientieren
Aber auch hier gilt:
Wir trainieren nicht Frustration um der Frustration willen.
Ein Welpe muss nicht absichtlich warten, bis er völlig aufgebracht ist.
Wir beginnen mit kleinen, machbaren Situationen.
Die ausführlichere Warteposition kommt später in Modul 13. Dort geht es dann um die Fähigkeit, auch über grössere Distanzen in Verbindung und Orientierung zu bleiben.
Ruhe im echten Leben
Am Ende geht es nicht darum, dass euer Hund auf Kommando „ruhig“ ist.
Wir möchten, dass Ruhe Teil des gemeinsamen Lebens wird.
Das bedeutet:
Ihr sitzt auf dem Sofa.
Euer Hund liegt daneben.
Ihr kocht.
Euer Hund beobachtet euch.
Ihr arbeitet am Computer.
Euer Hund schläft.
Ihr trinkt Kaffee.
Es passiert nichts.
Ihr kommt vom Spaziergang nach Hause.
Der Tag geht ruhig weiter.
Das sind keine verlorenen Trainingsmomente.
Das ist Lernen.
Euer Hund lernt:
Nicht jeder Moment braucht Action.
Nicht jeder Reiz braucht eine Reaktion.
Nicht jede gemeinsame Zeit braucht Beschäftigung.
Und genau daraus wächst Selbstregulation.
Ab jetzt: Euer Welpentagebuch
Ich empfehle euch, ab jetzt ein kleines Welpentagebuch zu führen.
Nicht, weil ihr jeden Tag alles dokumentieren müsst. Sondern weil sich gerade in den ersten Wochen unglaublich viel entwickelt – und Veränderungen oft erst sichtbar werden, wenn man zurückblickt.
Notiert euch jeden Tag ein paar kurze Beobachtungen:
Wann und wie lange hat euer Welpe geschlafen?
Wann war er besonders wach und aktiv?
Was hat ihn heute beschäftigt?
Welche neuen Erfahrungen gab es?
Wie hat er darauf reagiert?
Wann war er entspannt?
Wann war er aufgeregt oder überfordert?
Was hat ihm geholfen, wieder zur Ruhe zu kommen?
Was hat besonders gut funktioniert?
Was war heute schwierig?
Ihr könnt zusätzlich besondere Momente festhalten, zum Beispiel:
„Heute hat er sich zum ersten Mal von selbst auf seinen Platz gelegt und ist dort eingeschlafen.“
Oder:
„Nach dem Besuch war er deutlich aufgedrehter als sonst und brauchte lange, um zur Ruhe zu kommen.“
Diese kleinen Notizen helfen euch, Muster zu erkennen.
Und sie helfen auch uns später bei der gemeinsamen Arbeit: Wenn ich euch besuche, können wir gemeinsam anschauen, wie sich euer Welpe entwickelt hat, was ihm leichtfällt und wo er noch Unterstützung braucht.
Ihr müsst euren Welpen nicht perfekt beobachten. Ihr dürft ihn einfach kennenlernen.
🌿 Eure Praxis für diese Woche
1. Beobachtet den Schlaf
Wann wird euer Welpe müde?
Wie findet er in den Schlaf?
2. Beobachtet die Aktivität
Was passiert, wenn ihr nach einer Aktivität bewusst nichts Neues anbietet?
3. Beobachtet die Reize
Welche Erlebnisse scheinen leicht verarbeitbar zu sein? Welche wirken nach?
4. Beobachtet eure eigene Energie
Wie verändert sich euer Welpe, wenn ihr hektisch seid – und was passiert, wenn ihr selbst langsamer werdet?
5. Stellt euch jeden Tag einmal die Frage:
Was ist JETZT das Beste für meinen Hund?
Nicht:
Was könnte ich noch mit ihm machen?
Sondern: Was braucht er gerade?
Abschlussgedanken
Ruhe entsteht nicht dadurch, dass wir unseren Hund möglichst oft zur Ruhe bringen.
Sie entsteht durch viele kleine Erfahrungen:
Ich bin sicher.
Ich darf schlafen.
Ich darf beobachten.
Ich muss nicht auf jeden Reiz reagieren.
Mein Mensch hilft mir, wenn es zu viel wird.
Und ich darf lernen, Dinge auch selbst zu bewältigen.
Selbstregulation ist kein einzelnes Training.
Sie wächst im Alltag.
